Unterschiedliche Strategien im Umgang mit knappen Ressourcen
Im Verlauf eines langen Winters verringert sich das natürliche Nahrungsangebot für Vögel. Daher stürzen sie sich allzu gerne auf das Futter, das ihnen von Menschen angeboten wird. Doch wovon ernähren sich unsere Vögel, wenn diese Möglichkeit nicht zur Verfügung steht?
Haubenmeise im Winter (Foto: NABU Presse)
Empfehlungen für geeignetes Vogelfutter an den Futterstellen gibt es regelmäßig in den Medien, in den Katalogen der Hersteller und natürlich auch auf den Webseiten des NABU, inkl. eines übersichtlichen Schaubildes (PDF). Aber ganz offensichtlich sind Erdnüsse, Sonnenblumenkerne, Hanfsamen, Rosinen, Mehlwürmer oder Fettknödel nur eine Annäherung an die natürliche Winternahrung der Gartenvögel, bestimmt durch das, was wir Menschen am schnellsten bei der Hand haben.
Viele Vögel steigen um auf vegetarische Ernährung
Alle Vögel, die auch im Winter nicht auf Insekten, insbesondere fliegende Insekten als Hauptnahrung verzichten können, sind längst im Süden. Andere Arten, die ihre Jungen mit Insekten füttern, darunter alle Meisenarten und die meisten Finken, stellen für den Winter auf vegetarische Nahrung um. Vor allem die Samen von Bäumen sind dann ihre wichtigsten Nahrungsquellen.
So ernährt sich der Buchfink, wie sein Name bereits sagt, vor allem von Bucheckern – genauso wie sein naher Verwandter, der Bergfink aus dem Norden. Der Erlenzeisig bevorzugt Erlensamen, der Birkenzeisig Birkensamen – die Namen deuten bereits darauf hin. Selbiges gilt für den Fichtenkreuzschnabel, der das ganze Jahr über die Samen der Fichte aus den entsprechenden Zapfen klaubt. Auch der Eichelhäher bevorzugt die namensgebenden Früchte der Eiche. Der Kernbeißer dagegen lässt sich besonders häufig die Samen der Hainbuche schmecken, eher seltener – und nur im Sommer – diejenigen der Kirsche, wie man meinen könnte, da er oft Kirschkernbeißer genannt wird. Die verschiedenen Baumsamen sind für unsere Meisenarten die wichtigste Nahrung. Ihre Brutbestände im Folgejahr hängen hauptsächlich von der Intensität der winterlichen Samenmast in den Wäldern ab. Können die Samen direkt von den Bäumen gepflückt werden, sind diese Nahrungsquellen wetterunabhängig. Müssen sie jedoch vom Boden aufgenommen werden, wie zum Beispiel Bucheckern, machen dicke Schneedecken und Eis das Angebot schnell unzugänglich.
Neben Bäumen tragen auch viele Wildkräuter noch im Winter Samen, die die Vögel nutzen können. Stieglitze lieben dabei besonders die Samenstände der distelartigen Wilden Karde, wo diese Pflanze auf ungenutzten Ruderalflächen oder Brachen wachsen kann. Kleinere Wildkräuter werden von hohem Schnee schnell verdeckt.
Auch einige Insektenfresser werden im Winter fündig
Es gibt aber auch Insektenfresser, die selbst im Winter bei uns ausharren: Sowohl der Zaunkönig als auch die beiden Baumläuferarten schaffen das, indem sie mit ihren langen dünnen Schnäbeln überwinternde Insekten aus engen Ritzen, zum Beispiel in der Borke eines Baumes, picken. Auch Buntspechte und ihre Verwandten können ihre Hauptnahrung, holzbewohnende Insekten, im Winter genauso gut aus morschen Stämmen und Ästen klauben wie im Sommer. Die winzigen Wintergoldhähnchen und Schwanzmeisen scheinen im Winter in ihrer eigenen ökologischen Nische, auf den äußersten Spitzen von Zweigen, die nur sie dank ihres geringen Gewichts beklettern können, noch genügend kleine Insekten zu finden. Manche dieser Arten erleiden in harten Wintern heftige Bestandseinbrüche, die erst über mehrere Jahre wieder ausgeglichen werden können.
Die an der Futterstelle als „Weichfutterfresser“ bezeichneten Vögel, sind meist Arten, die normalerweise von Insekten und Würmern am Boden leben, oft Drosselvögel wie die Amsel oder das Rotkehlchen. Wann immer möglich suchen sie im Winter nach überwinternden Insekten am Boden und ergänzen ihre Nahrung gerne durch übriggebliebene Beeren und Äpfel. Sie sind meist Teilzieher; viele von ihnen ziehen im Winter in den Süden, auch wenn einige Artgenossen bei uns bleiben. Zu ihnen gesellt sich in manchen Jahren der Seidenschwanz aus dem hohen Norden. Er hält sich bei uns meist an Mistelbeeren oder Vogelbeeren als Winternahrung.
Angebot wird geringer im Verlauf des Winters
All diesen natürlichen Winternahrungsquellen ist eines gemein: Das Angebot schwindet im Verlauf des Winters. Die härteste Zeit ist der Spätwinter, wenn die meisten Samen und Früchte verbraucht sind und oft Schnee liegt. Entsprechend kann man dann, im Februar und Anfang März besonders viele Vögel an den Futterstellen beobachten. Auffällig ist dies bei den Erlenzeisigen: Hatten sie bisher kein Interesse an den Futterstellen gezeigt, fallen die kleinen gelben Vögel am Ende des Winters in Scharen ein. Die Erlen- und Birkensamen sind dann nicht mehr verfügbar. Um ihr Überleben zu sichern, verwandeln sich bei hartem Winterwetter selbst scheinbar harmlose Kohlmeisen in seltenen Fällen zu richtigen Räubern: Sie picken dann toten Mäusen oder anderen wehrlosen Opfern das phosphatreiche Gehirn heraus. In einem Fall wurde sogar dokumentiert, dass eine Kohlmeise einen kleineren Birkenzeisig dafür gezielt angegriffen hat.
Je nach Winterwitterung bei uns oder in den nördlichen und östlichen Herkunftsregionen vieler Wintervögel kann daher die Zahl der beobachteten Vögel stark schwanken. Die Tiere versammeln sich dort, wo sie Nahrung finden. Wesentlich wetterunabhängiger sind die Zahlen der Brutvögel in den Gärten, die während der „Stunde der Gartenvögel“ im Mai gezählt werden. Denn dann leben die meisten Vögel in abgegrenzten Territorien und verteilen sich gleichmäßig über die Fläche.
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